Angst im Schwarzwald: Einwohner fürchten um altes Wahrzeichen

Eine Altstadtstraße in Gengenbach mit Kopfsteinpflaster und restaurierten Fachwerkhäusern. In der Mitte ragt ein Turm mit spitzem, ziegelrotem Dach empor.
Symbolbild © imago/imagebroker

Einwohner fürchten um das historische Gesicht ihrer Schwarzwaldstadt: Ein gigantisches Windrad könnte schon bald das Panorama verändern. Nun beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und der Widerstand wächst.

Ein idyllisches Schwarzwald-Städtchen bangt um sein Gesicht: Hoch über den historischen Dächern könnte bald ein Bauwerk entstehen, das alles verändert.

Windrad könnte Blick auf Kloster verändern

Wer durch Alpirsbach spaziert, spürt sofort die besondere Atmosphäre. Das ehemalige Benediktinerkloster prägt seit Jahrhunderten das Bild der Schwarzwaldgemeinde im oberen Kinzigtal. Zwischen historischen Fachwerkhäusern, dem markanten Kirchturm und den bewaldeten Hängen scheint die Zeit manchmal langsamer zu vergehen. Doch genau diese Idylle könnte nun auf eine harte Probe gestellt werden. Denn hoch über der Stadt sorgt ein Projekt für hitzige Diskussionen. Auf dem Reutiner Berg südöstlich des Zentrums könnte ein Windrad entstehen – und das hätte gewaltige Ausmaße. Mit einer Gesamthöhe von rund 230 Metern inklusive Rotoren würde die Anlage viele Bauwerke der Region deutlich überragen.

Noch ist auf dem bewaldeten Höhenzug nichts zu sehen. Doch viele Einwohner haben längst konkrete Bilder im Kopf. Wer vom Tal aus Richtung Reutiner Berg blickt, erkennt schnell die Brisanz der Situation. Besonders die Sichtachse entlang der berühmten Klosterkirche steht im Mittelpunkt der Debatte. Kritiker befürchten, dass das Windrad künftig optisch mit dem historischen Kirchturm konkurrieren könnte. Auch vom historischen Rathaus aus würde die Anlage nach Ansicht vieler Bürger sofort ins Auge fallen. Die Sorge reicht sogar über das Ortsbild hinaus. Alpirsbach lebt auch vom Tourismus. Einige Einwohner fürchten, dass Urlauber künftig andere Ziele bevorzugen könnten, wenn die weithin sichtbare Windkraftanlage das Panorama verändert.

Lesen Sie auch
Pro Fahrt 2 Euro: Europas größte Attraktion liegt im Schwarzwald

Ein Wettlauf gegen die Zeit

In Alpirsbach hat sich deshalb Widerstand gegen das Vorhaben formiert. Hoffnung setzen viele auf einen neuen Teilregionalplan Windenergie. Dieser könnte den Standort möglicherweise ausschließen. Allerdings gibt es ein Problem: Das laufende Genehmigungsverfahren für das geplante Windrad ist dem neuen Regionalplan zeitlich voraus.

Gleichzeitig steht die Debatte in einem größeren Zusammenhang. Deutschland treibt den Umbau seiner Energieversorgung voran. Nach dem Atomausstieg soll auch die Kohleverstromung möglichst bis 2030 weitgehend beendet werden. Der Bedarf an Strom steigt dabei kontinuierlich – etwa durch Elektroautos und Wärmepumpen. Bereits in diesem Jahr gingen bis Anfang Juni neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 1,9 Gigawatt ans Netz. Erneuerbare Energien liefern inzwischen den Großteil des Stroms. Doch während die Energiewende vielerorts voranschreitet, stellt sich in Alpirsbach eine andere Frage: Wie viel Veränderung verträgt ein Ort, dessen größter Schatz seine Geschichte ist?

(Quellen: Schwäbische Zeitung, eigene Recherche der KA-Insider-Redakteure)