
Fünf Stunden länger arbeiten und am Monatsende trotzdem keinen Cent mehr Lohn haben: Genau über solche Modelle diskutiert die Industrie derzeit. Besonders brisant ist das Thema in Baden-Württemberg.
Hinter der Forderung nach längeren Arbeitszeiten steckt die schwierige Lage vieler deutscher Industriebetriebe. Eine längere Wochenarbeitszeit soll die Produktivität erhöhen, ohne gleichzeitig die Personalkosten entsprechend nach oben zu treiben.
Mercedes-Mitarbeiter wehren sich gegen 40-Stunden-Woche
Mit Mercedes-Benz und Stihl stehen zwei der bekanntesten Unternehmen des Landes im Mittelpunkt der Debatte um eine Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit. Für Beschäftigte hätte das erhebliche Folgen. Wer zum Beispiel bislang 35 Stunden pro Woche arbeitet und künftig 40 Stunden leisten soll, verbringt fünf zusätzliche Stunden im Betrieb – ohne einen entsprechenden Lohnausgleich. Rechnerisch steigt die Arbeitszeit damit um gut 14 Prozent. Bei Mercedes-Benz hat die Diskussion längst heftigen Widerstand ausgelöst. Anfang Juli protestierten nach Angaben der IG Metall bundesweit mehr als 33.000 Beschäftigte. Die Gewerkschaft nennt ausdrücklich eine mögliche unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden als einen der Gründe für die Proteste.
Baden-Württemberg spielt dabei eine zentrale Rolle. Mercedes-Benz unterhält große Standorte unter anderem in Stuttgart-Untertürkheim, Sindelfingen und Rastatt. Entsprechend viele Arbeitnehmer im Südwesten würde eine grundlegende Veränderung der Arbeitszeit betreffen. Die 35-Stunden-Woche besitzt gerade in der Metall- und Elektroindustrie eine enorme Bedeutung. Sie gilt als eine der großen tarifpolitischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte.
Unternehmen greifen nach: Auch Stihl setzt auf 35 Stunden
Wie groß der Unterschied ist, zeigt eine einfache Rechnung: Bei 35 Wochenstunden kommen im Jahr rund 1.820 Arbeitsstunden zusammen, wenn man mit 52 Wochen rechnet. Bei 40 Stunden wären es rund 2.080 Stunden. Das ergibt theoretisch 260 zusätzliche Stunden pro Jahr. Auch beim baden-württembergischen Traditionsunternehmen Stihl spielt die 35-Stunden-Woche eine wichtige Rolle. Der Hersteller aus Waiblingen nennt beispielsweise für seine Ausbildungsplätze 35 Wochenstunden.
Die Debatte reicht allerdings weit über einzelne Firmen hinaus. In der deutschen Industrie steht die Frage im Raum, wie Firmen ihre Kosten senken und gleichzeitig konkurrenzfähig bleiben können. Eine längere Arbeitszeit verspricht auf dem Papier zunächst mehr Leistung pro Arbeiter. Ganz so einfach funktioniert die Rechnung jedoch nicht. Fünf zusätzliche Stunden bedeuten nicht automatisch einen Sprung von 14 Prozent. Entscheidend bleibt, wie viel zusätzliche Leistung Unternehmen in dieser Zeit tatsächlich erzeugen können. Produktionsauslastung, Auftragslage, Automatisierung und Krankenstand spielen dabei ebenso eine Rolle.
(Quellen: IG Metall, Stihl)














