
Alarmierende Zahlen aus den Schulen in Baden-Württemberg: Jedes vierte Kind kann nicht lesen. Die Probleme reichen längst weit über den Deutschunterricht hinaus – jetzt soll ein neues Förderprogramm die Wende bringen.
Immer mehr Kinder scheitern nicht an Mathe oder Physik, sondern schon am Lesen. Jetzt schlägt Baden-Württemberg Alarm und zieht Konsequenzen.
Deutschlands Absturz im Bildungsranking
Nicht nur im Deutschunterricht wird das Lesen zum Problem. Auch in Geschichte, Biologie oder Mathematik scheitern viele Kinder daran, Texte richtig zu erfassen. Laut der PISA-Studie von 2022 kann rund jedes vierte Kind unter fünfzehn Jahren nicht ausreichend lesen. Gemeint ist damit nicht nur das stockende Vorlesen einzelner Wörter. Vielen Jugendlichen fällt es schwer, Inhalte zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen oder Informationen richtig einzuordnen. Deutschland schneidet dabei international überraschend schlecht ab.
Bei einer Studie zu den Bildungschancen landet Deutschland nur auf Platz 25 von 37 Industrieländern. Beim Vergleich der Schulleistungen rutscht die Bundesrepublik sogar auf Rang 34 ab. Länder wie Rumänien, Ungarn oder die Slowakei schneiden besser ab. Spitzenreiter sind Irland, Südkorea und Slowenien. Das baden-württembergische Kultusministerium reagiert nun mit neuen Maßnahmen. Ab dem Schuljahr 2025/2026 bekommen alle fünften Klassen eine zusätzliche Deutschstunde. Schulen dürfen außerdem in Klasse sechs weitere Förderstunden einsetzen. Hinzu kommen feste Zeiten für gezieltes Lesetraining. Das Ziel: Schwächere Schüler sollen den Mindeststandard beim Lesen erreichen. Gleichzeitig sollen auch starke Leser besser gefördert werden. Das Ministerium verspricht Unterstützung durch Lernmaterialien, Fortbildungen und spezielle Programme.
Kritik an fehlenden Lehrkräften
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt die neuen Ideen zwar grundsätzlich, sieht aber große Probleme bei der Umsetzung. Die Landesvorsitzende Monika Stein kritisiert, dass keine zusätzlichen Lehrer eingestellt wurden. Ohne genügend Personal könnten viele Schulen die Fördermaßnahmen kaum stemmen. Nach Ansicht der GEW beginnen die Schwierigkeiten ohnehin viel früher – bereits in der Grundschule. Dort zeigten sich die Lesedefizite oft schon deutlich. Um gegenzusteuern, benötigt Baden-Württemberg rund 1.000 zusätzliche Lehrkräfte.
Doch Eltern können entscheidend helfen. Wichtig sei vor allem, dass das Lesen Spaß macht. Die Bundesverbände für Leseförderung und Nachhilfeschulen empfehlen deshalb einfache Tricks. Bücher mit Bildern sollen Neugier wecken. Beim sogenannten „Stopp-Kniff“ hören Eltern an einer spannenden Stelle mit dem Vorlesen auf, damit Kinder selbst weiterlesen wollen. Auch gemeinsames Lesen im Wechsel oder feste Vorlese-Rituale können helfen. Denn klar ist: Wer nicht lesen kann, hat es später überall schwer.
(Quellen: SWR, PISA-Studie, Kultusministerium Baden-Württemberg)














