Millionen Besucher: Beliebtes Ausflugsziel am Bodensee mit Jubiläum

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Symbolbild

Am Bodensee ist ein beliebtes Ausflugsziel – Millionen Besucher waren hier schon – Jetzt gibt es ein Jubiläum.

Zusammen mit geschichtsbegeisterten Laien und Forschern hatte der Sohn einer Unteruhldinger Fischerfamilie zum 1. August 1922 zwei Nachbildungen prähistorischer Pfahlbauten als Museum am Bodenseeufer errichtet. Da drohte die dramatisch schnelle Entwertung des Geldes in der jungen Weimarer Republik im Folgejahr, die Einrichtung und ihren Trägerverein in den Bankrott zu treiben.100 Jahre später ist das Pfahlbaumuseum eines der größten und ältesten Freilichtmuseen in Europa. Bis zu 300 000 Gäste erkundeten vor der Corona-Pandemie pro Jahr die 23 Nachbildungen von Pfahlbauten aus der Stein- und Bronzezeit, fast 16 Millionen Besucher waren es insgesamt. «Dabei gab es von Anfang an viele, die gesagt haben, das kann nicht gutgehen», sagt Museumsdirektor Gunter Schöbel. «Es war eine Schnapsidee – und jetzt wird sie 100.»Seit dem Jahr 2011 sind die prähistorischen Pfahlbauten im Alpenraum Welterbe der Unesco – und das Museum im ehemaligen Fischerdorf Unteruhldingen ist eines der wenigen Schaufenster in diese eigentlich unter Wasser liegende Welt. Dabei standen die Vorbilder der ersten Holzhütten gar nicht am Bodenseeufer, sondern im oberschwäbischen BadSchussenried. Fischersohn Sulger, damals Bürgermeister des Ortes, und seine Mitstreiter bildeten die dortigen Pfahlbauten unter Anleitung des Urgeschichtlichen Forschungsinstituts Tübingen nach.Schon im Eröffnungsjahr kamen mehr als 6600 Besucher, um die beiden Bauwerke zu bewundern – doch die Hyperinflation machte dem Museum so sehr zu schaffen, dass eine geplante Erweiterung im Jahr 1923 verschoben werden musste. Erst acht Jahre später wurden die Pläne in die Tat umgesetzt, nachdem ein Strandbad und ein Ufa-Stummfilm noch mehr Besucher auf das Gelände gelockt hatten.«Das wäre damals fast schiefgegangen», sagt Museumsdirektor Schöbel. Doch die Einrichtung habe sich bei Krisen und Rückschlägen im Laufe der Zeit immer verändern können – «gehäutet», sagt Schöbel. Das sei eine große Stärke des Museums und seines Trägervereins. «Ich hoffe, dass wir es diesmal auch schaffen, auf die Krisen zu antworten.»Herausforderungen gibt es genug: steigende Eintrittspreise in Folge der Inflation, der Einbruch der Besucherzahlen während der Corona-Pandemie und die danach ausgebliebene Rückkehr von Reisegruppen aus den USA und Ostasien, Bedrohung der Pfahlbauten durch Hoch- und Niedrigwasser sowie eingeschleppte Arten wie die Quagga-Muschel im Bodensee, die sich an den Pfählen festsetzt.Dazu kommt, dass der Trägerverein im November endlich einen seit vier Jahren geplanten Neubau beginnen will. Zwölf Millionen Euro solle die Erweiterung kosten, die im Jahr 2024 fertig sein soll, sagt Schöbel und lacht. «Derzeit.» In Zeiten stark steigender Preise stehen die Berechnungen unter noch größerem Vorbehalt als ohnehin.Doch der Bau sei wichtig, betont Schöbel. Damit werde die Einrichtung unabhängiger vom Wetter – sowohl von Regen als auch von sengender Mittagshitze. «Mittags kommen im Sommer oft jetzt schon keine Menschen mehr, weil sie lieber am Wasser bleiben», sagt Schöbel. Wegen des Klimawandels müsse sich das Museum darauf einstellen, dass dies künftig öfter der Fall sein werde.Da trifft es sich gut, dass das Museum für den Neubau erstmals Geld vom Staat erhält. 1,5 Millionen Euro gibt der Bund für das Projekt. «Ansonsten machen die Eintrittsgelder fast 100 Prozent unserer Einnahmen aus», sagt Schöbel. «Wir müssen also so gut sein, dass die Leute weiter zu uns kommen wollen.»Das gelingt dem Museum nach Ansicht des Wissenschaftsministeriums in Stuttgart bisher gut – auch ohne Fördermittel des Landes. Die Einrichtung sei «ein bedeutender Akteur in der Vermittlung des Unesco-Welterbes», sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Es bringe«einem breiten Bevölkerungs- und Besucherkreis» die Geschichte des Siedlungsraums Bodensee mit niedrigschwelliger Pädagogik nahe. Zudem wecke es mit experimenteller Archäologie bei Kindern und Jugendlichen «Verständnis für historische und natürliche Lebenszusammenhänge».Auch bei den Besucherzahlen ist das Pfahlbaumuseum im Südwesten vorn mit dabei: Vor Corona lag die Einrichtung vor den Staatlichen Naturkundemuseen in Karlsruhe und Stuttgart sowie dem Landesmuseum Württemberg und dem Badischen Landesmuseum. «Früher wurden wir als Freilichtmuseum oft als Disneyland für Kiddies und Touris belächelt», sagt Schöbel. «Aber dieses niederschwellige Angebot, was man uns vorgeworfen hat, ist inzwischen State of the Art. Eigentlich wäre ich stolz, wenn alle Museen diesen Standard hätten.»Für das ehemalige Fischerdorf Unteruhldingen, heute Teil der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen, hat sich Georg Sulgers «Schnapsidee» als Glücksfall erwiesen. Das Museum mit seiner «enormen Strahlkraft» sei heute «ein großer wirtschaftlicher Faktor» für die Gemeinde, sagt Bürgermeister Dominik Männle. Er ist auch deshalb in die Fußstapfen seines Vorgängers Sulger getreten – als Mitglied des Museumsvereins. /dpa

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